Digitalisierung im Gesundheitswesen

patient centricity

Teil 1: Wo stehen wir und wo geht die Reise hin?

Wir leben im Zeitalter der digitalen Revolution. Was heißt das eigentlich?
Die Entwicklung der Menschheit hat 3 industrielle Revolutionen durchlaufen. Geprägt waren diese durch die unaufhaltsame disruptive Entwicklung und permanente Optimierung der Effizienz von Produktionsmaschinen, so dass schließlich das heutige technische, ökonomische und soziale Niveau in den etablierten Industriestaaten mit all seinen Vor- und Nachteilen erreicht werden konnte.

Die industriellen Revolutionen in der Kurzfassung:

  • Industrielle Revolution 1.0 im 18. Jahrhundert
    Die Verwandlung von Agrar- in Industriestaaten.

  • Industrielle Revolution 2.0 im 19. Jahrhundert
    Einsatz der Elektrizität, Beginn der Fließbandarbeit und der modernen Konsumgesellschaft.

  • Industrielle Revolution 3.0 im 20. Jahrhundert
    Das mikroelektronischen Zeitalters beginnt, geprägt durch die IT. Es entstehen die ersten Großrechner und Personal-Computer. Menschliche Arbeitskraft wird zunehmend durch Maschinen ersetzt.

  • Industrielle Revolution 4.0 im 21. Jahrhundert
    Gegenwärtig leben wir am Beginn der vierten, der digitalen Revolution, in der die technologischen Innovationen der Produktionsmaschinen nicht mehr ausreichen, um den ökonomischen und gesellschaftlichen Herausforderungen der Zeit gerecht zu werden.

Das neue Zeitalter der Informationsmaschinen hat begonnen. Es ist das Zeitalter der Nutzung künstlicher Intelligenz (KI). Die digitale Technik wird Wirtschaft und Gesellschaft in nie gekanntem Ausmaß verändern.

Was bedeutet die Umwandlung der bisherigen “analogen” Technik in “digitale” Technik?

Der Austausch und die Vernetzung von Informationen geschieht schon heute und in Zukunft in einer Geschwindigkeit, die in der Menschheitsgeschichte beispiellos ist. Die Speicherkapazität von Rechnern hat sich in den letzten 10 Jahren vertausendfacht und wird in den nächsten Jahrzenten weiter explodieren.

In diesem Zusammenhang taucht unweigerlich das Schlagwort „Big Data“ auf.
Big Data ist definiert als immense, unstrukturierte Datenmenge, die mit standardmäßigen Datenverarbeitungssystemen nicht mehr zu analysieren ist. Big Data schafft eine Grundlage für künstliche Intelligenz (KI), die durch selbständig miteinander agierende Rechner Leistungen in einem nie gekannten Ausmaß erbringen und sich ständig weiterentwickeln wird.

KI gilt als die zentrale Antriebskraft der digitalen Revolution und wird in allen gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Bereichen wirksam. Große Herausforderungen kommen in Deutschland und international auf den Gesundheitsbereich zu. Es ist möglich geworden, extrem große Mengen von Gesundheitsdaten wissenschaftlich unmittelbar auszuwerten und damit z.B. der Gesundheitsversorgung, durch weiterführenden und neuen Erkenntnissen zu Krankheiten, Diagnostik und Therapie und der Entwicklung neuer Arzneimittel, zu dienen.

Ein Beispiel für den Einsatz digitaler Technologien im Gesundheits- und Versorgungsbereich: Die 34-Milliarden-Euro-Chance für Deutschland

Ergebnisse einer McKinsey Studie:

Durch den Einsatz digitaler Technologien könnten im deutschen Gesundheitswesen jährlich 34 Mrd. Euro eingespart werden. Dies entspricht rund 12 % der gesamten jährlichen Gesundheits- und Versorgungskosten von zuletzt 290 Mrd. Euro.

Die Grundlage: Auf der Basis von mehr als 500 internationalen Forschungsdokumenten wurde das Verbesserungspotential von 26 digitalen Gesundheitstechnologien analysiert und in Experteninterviews überprüft. Kooperationspartner von McKinsey für die deutsche Studie war der Bundesverband Management Care e.V. (BMC).

Die Ergebnisse werden in 6 Lösungskategorien mit unterschiedlichem Einsparpotential zusammengefasst:
1. Umstellung auf papierlose Datenverarbeitung 9.0 Mrd. Euro
2. Online-Interaktionen, z. B. durch Teleberatung 8.9 Mrd. Euro
3. Arbeitsabläufe/Automatisierung, z. B. durch mobile Vernetzung von Pflegepersonal oder die auf Barcodes basierte Verabreichung von Medikamenten 6.1 Mrd. Euro
4. Unterscheidungsunterstützung durch Daten-Transparenz, z. B. durch den Einsatz vom Software 5.6 Mrd. Euro
5. Patienten-Self-Service, etwa durch Onlineportale zur Terminvereinbarung 5.0 Mrd. Euro
6. Patientenselbstbehandlung, z. B. durch Gesundheits-Apps oder digitale Diagnosetools 3.8 Mrd. Euro

Bewertung:

Die größte Einsparung durch Digitalisierung verspricht die Umstellung auf eine einheitliche elektronische Gesundheitsakte (Electronic Health Record, EHR). Diese Lösung kann schnellere, reibungslosere Abläufe ermöglichen, indem sie Verwaltungsaufwand und Untersuchungen reduziert. Allerdings muss der Datenschutz den individuellen Gebrauch der EHR für die Patienten noch sicherstellen. Dazu liegt auch aktuell die 07/2018 herausgekommene FDA Guidance „Use of Electronic Health Record Data in Clinical Investigations“ vor.

Wer profitiert von der Digitalisierung am meisten?

70% des erreichbaren Nutzens kommen den Leistungserbringern zugute, also Ärzten und Krankenhäusern. Die erhöhte Effizienz kommt einhergehend mit einer Kostenersparnis den Krankenkassen und letztendlich auch dem Versicherten zu Gute.

Digitale Lösungen senken nicht nur Kosten, sie können auch Probleme entschärfen. Sie können z.B. durch bessere und schnellere ortsunabhängige Kommunikation bei der ambulanten Pflege den Personalmangel abmildern.

Die Digitalisierung im Gesundheitswesen steckt in ihren Anfängen. Deshalb muss zunächst das Problem überwunden werden, dass bei vielen Akteuren z.B. Arzneimittelbehörden und Datenschutzämtern der Status-quo noch stark etabliert ist. Es bedarf daher in Deutschland dringend einer weiteren Entwicklung der digitalen Infrastruktur.

Literatur:

1. Richard David Precht:“Jäger, Hirten, Kritiker“, Die Zukunft kommt nicht, sie wird von uns gemacht! Die Frage ist nicht: Wie werden wir leben? Sondern: Wie wollen wir leben? Goldmann Verlag München, 2. Auflage 2018

2. Julian Nida-Rümelin, Nathalie Weidenfeld: „Digitaler Humanismus“ Eine Ethik für das Zeitalter der Künstlichen Intelligenz. Piper Verlag, München 2018

3. W.Christl: Kommerzielle digitale Überwachung im Alltag. PDF, auf: crackedlabs.org, November 2014, S. 12

4. McKinsey & Company in Kooperation mit dem Bundesverband Management Care e.V. (BMC), Digitalisierung im Gesundheitswesen, Ergebnisse Download mck.de/bz9sq 2018

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Picture: @sdecoret/fotolia.com

About the Author: Siegfried K. Hippe

Siegfried Hippe

s.hippe@gkm-therapieforschung.de